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rheinische ART 02/2010

 

Archiv 2010: aus "Über die Grenze geschaut"

 

Hausgewordene Logik

 

Das Wittgensteinhaus in Wien

 

Etwas abseits von den Ballungszentren der zahlreichen Wiener Sehenswürdigkeiten liegt in der Kundmannsgasse im 3. Bezirk das Haus Wittgenstein – ein wirkliches Highlight für Architektur- und Designfans, allerdings auch ein nicht allseits bekannter Insidertipp. Zumindest jedem, der sich etwas ausführlicher mit dem Leben des Philosophen Ludwig Wittgenstein beschäftigt hat, ist dieses für die Architekturgeschichte ausgesprochen bedeutsame Haus ein Begriff. Ein Besuch des Hauses bietet einen ungewöhnlichen Einblick in die Fähigkeiten eines Mannes, der eigentlich als Philosoph Berühmtheit erlangt hat. Wer „Wittgenstein“ hört, denkt zunächst an Schwerverdauliches wie den „Logisch-Philosophischen Traktat“, - doch an Design?  
 

 

 Gebaut in den 1920er Jahren. Das Haus Wittgenstein

Das 1929 fertiggestellte Haus war ursprünglich ein von Margarete Stonborough-Wittgenstein, der reichen Schwester Ludwigs, als private Residenz in Auftrag gegebener Bau. Bei der Wahl des Architekten entschied sie sich für Paul Engelmann, einen Schüler Adolf Loos, der ihre Vorstellungen eines Wohnhauses im Stil der damals radikalen, minimalistischen Wiener Moderne in die Tat umsetzte. 

Blick aus dem Salon

   Ludwig Wittgenstein selbst stieß erst später, als das Haus bereits in seinen Grundfesten stand, zu dem Projekt und übernahm bis zur endgültigen Fertigstellung mehr und mehr die Kontrolle über den Bau. Paul Engelmann resümierte dessen Aktivitäten ungefähr im Wortlaut: „Ludwig Wittgenstein widmete sich der Ausgestaltung des völlig schmucklosen Hauses und entwarf sämtliche innenarchitektonischen Details wie Fensterrahmen, Griffe und Heizungen, denen gerade in diesem minimalistischen Umfeld besondere Bedeutung zukommt.“

   Berühmt sind dabei bis heute Anekdoten über seine kompromisslose Präzision und seinen geradewegs tyrannischen Willen zur Durchsetzung: Mehrmals wurden Bauarbeiter bis an den Rande eines Nervenzusammenbruchs geschickt, weil bestimmte Bereiche den hohen Anforderungen Wittgensteins nicht genügten. Die völlig einzigartigen Schließsysteme in den Türrahmen erforderten das Anfertigen von Einzelteilen, die auf österreichischen Maschinen zu dieser Zeit nicht zu produzieren waren. Auch konnten etwa die Heizkörper erst ein Jahr nach Fertigstellung des Hauses eingebaut werden, da ihre Anfertigung im Ausland vorgenommen werden musste.

Eine von Wittgenstein entworfene Türklinke

   Das Ergebnis kann sich freilich sehen lassen. Auch wenn das Haus in seinem heutigen Zustand als ständiger Sitz des bulgarischen Kulturinstitutes nicht mehr Wittgensteins ursprünglichem Entwurf (der unter anderem gelbe Wände und blauen Steinboden vorsieht) entspricht und viele von Wittgenstein vorgeschriebene Bestandteile nicht mehr vorhanden sind, so beeindruckt der Bau dennoch durch völlige Schmucklosigkeit und Reduzierung auf das Notwendige.

Philosoph und Architekt

Hohe Türen: ein Kennzeichen

Was noch heute den Betrachter beeindruckt – ein postmoderner, allgegenwärtiger designtechnischer Minimalismus -, muss auf die von Biedermeier umgebenen Wiener der 1920er Jahre verstörend gewirkt haben. Margarete Stonborough-Wittgenstein war von dem für sie gebauten Haus begeistert, richtete es nach ihren Vorstellungen eklektizistisch ein und bewohnte es mit Unterbrechungen bis zu ihrem Tod im Jahr 1958. Ludwigs älteste Schwester Hermine hingegen hatte ein gespaltenes Verhältnis zu dem Gebäude. Auf der einen Seite bewunderte sie die visionäre Kraft der Architektur, auf der anderen Seite fühlte sie sich gerade durch diese beunruhigt. So bezeichnet sie das Gebäude als „hausgewordene Logik“, das eher als Wohnstätte für Götter, denn für Menschen tauge. In der Tat hatte sich Ludwig Wittgenstein in seinen Entwürfen nur wenig an den Bedürfnissen Normalsterblicher orientiert. Vorhänge an den Fenster verbot er ebenso wie wärmende Teppiche für den Fußboden und an den Decken hingen nackte Glühbirnen.

   All diese Details machen deutlich, dass es sich bei dem Wittgensteinhaus um das Ausnahmewerk eines Ausnahmemenschen handelt. Wie Ludwig Wittgensteins Werk keiner Schule, keiner damals bestehenden philosophischen Epoche zugerechnet werden kann, so verweigert sich auch seine einzige architektonische Äußerung der stilistischen Einordnung. Schwer zu fassen, monolithisch, kühl und faszinierend. Diese Eigenschaften, die so oft im Zusammenhang mit der Person Wittgensteins gesetzt werden, verwirklichen sich in der Architektur des Philosophen und lassen sich bei einem Besuch des Hauses in der Kundmannsgasse am eigenen Leib erfahren.

Robert Woitschützke


 

Fotos: romawoi


 

©rheinische-art.de


 

 

 


 

 

 

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