rheinische ART
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rheinische ART 12/2011

 

Archiv 2011: aus "Kunst erleben"

Mike Kelley: Kandors

 

Science Fiction

unter der Glasglocke

 

 

Mike Kelley, Kandor 13, 2007, Verschiedene Materialien, Video
Installationsansicht Museum Haus Lange 2011, Foto: Volker Döhne, Krefeld
© Mike Kelley, Jablonka Galerie Courtesy Jablonka Galerie, Köln

 

Wer die Museen Haus Lange und Haus Esters in Krefeld betritt, dessen Augen müssen sich zunächst einmal auf die Dunkelheit einstellen. Kein natürliches Tageslicht dringt herein und erhellt den Raum. Das Auge wendet sich ganz automatisch den einzigen Lichtquellen zu, und das sind die selbstleuchtenden Kandors. Kandor, Namensgeber dieser Werkserie und die Geburtsstadt des Comic-Helden Superman, findet in seiner Geschichte ihren geschützten, aufbewahrenden Platz unter der Glasglocke.

 

Mike Kelley, Kandor 5, 2007

Verschiedene Materialien, Video, Sammlung Ringier, Schweiz, Foto: Fredrik Nilsen, Los Angeles
© Mike Kelley, Jablonka Galerie Courtesy Jablonka Galerie, Köln

DER AMERIKANISCHE Konzeptkünstler Mike Kelley hat die Visionen dieser Stadt, die von zahlreichen Comic-Zeichnern immer wieder in ihrer Gestalt neu erfunden wurde, in seinen großformatigen Inszenierungen in vielerlei Hinsicht realisiert, manchmal pervertiert, auch mystifiziert.

   Die Glasglocke mit ihrer schützenden Funktion ist allgegenwärtig. Sie lässt aufbrausende Stürme, die in ihrem Innern toben, nicht nach außen und lässt eine äußere zerstörerische Macht nicht nach Innen. Vielfach wird bei Kelley dem Comic gleich die Atmosphäre im Inneren des Glasbehälters mittels einer Schlauchverbindung zu einer Gasflasche geschaffen. Die dargestellte künstliche Beatmung, die Abhängigkeit von diesem lebenspendenden Schlauch, wirkt beklemmend. Die Kandors hingegen, die gebauten Städte mit ihren Häusern, Straßen und Türmen im Innern, scheinen davon unberührt.
   In großartigen Videoproduktionen, die in einzelnen Räumen gezeigt werden, lässt Kelley es in den Glasglocken wüten, schäumen und sprühen. Spektakel einer nicht zu definierenden Macht. Die Bewegung in den beruhigend konstant stillstehenden Glasglocken wird begleitet von einer eigens zu den Bildern komponierten Tonfolge von Kreischen, Vibrieren, Summen und Knirschen.

 

Realisierung einer Science Fiction-Idee der Vergangenheit ... oder die Vision einer Zukunft?

 

Mit dem Thema Kandor hat sich Kelley erstmalig anlässlich der Ausstellung „Zeitwenden“ im Kunstmuseum Bonn im Jahre 2000 auseinander gesetzt. Zu Beginn des Projektes war seine Idee der Realisierung von Kandor noch getragen von dem Gedanken der Einbeziehung eines breiten Publikums mittels des Internets. Eine Fangemeinde sollte in einem interaktiven Projekt Kandor mit aufbauen, ein „kultureller Fantasieraum“ geschaffen werden.

 

Mike Kelley, Kandor 1, 2007 
Verschiedene Materialien, Video 
Installationsansicht Museum Haus Esters 2011 
Foto: Volker Döhne, Krefeld, © Mike Kelley, Jablonka   Galerie Courtesy Jablonka Galerie, Köln  

 

Es sollte das „widersprüchliche Wesen der Stadt (Kandor) als ein animiertes `Pulsieren`“ darstellen, so Kelleys Vorstellung. Dieses Vorhaben scheiterte an der benötigten Zeit, an der Finanzierung und auch an den technischen Möglichkeiten des Internets um die Jahrtausendwende. So ließ Kelley aus den verschiedenen Comic-Vorlagen von Kandor eine Computersimulation zusammenbauen, die durch einige Architekturmodelle erweitert wurde. Die Utopie musste eine solche bleiben.

 

Skulpturen und 3-D-Leuchtkästen

 

Kelley entwickelte das Kandor-Projekt im Laufe der Jahre weiter. Er übertrug die graphischen, zweidimensionalen Vorlagen der Comics in dreidimensionale Skulpturen, wobei die glatten Flächen der Hintergrundfarben mit beleuchteten Plexiglaswänden dargestellt wurden. Die verschiedenen Kandor-Darstellungen sind in Form von Gießharzskulpturen, alle in Primärfarben, ausgeführt. Weiter wurden die originalen Comic-Vorlagen grafisch verändert und als 3 D-Leuchtkästen realisiert.
    Der Künstler beschreibt die Entstehung seiner Kandors in einem Essay. Darin erfährt der Leser, wie langwierig das Projekt Kandor war und ist. Allein die Beschaffung der überdimensionierten Glasglocken benötigte fünf Jahre, denn der Künstler konnte schlicht keinen Glasmacher finden, der diese herstellen konnte. Erst der Zufall ließ ihn zu einem böhmischen Unternehmen kommen, wo die Flaschen für Supermans Stadt produziert werden konnten.
   In Krefeld werden neun Kandor-Skulpturen, vier Videoinstallationen (Crystal Rocks), sieben 3 D-Leuchtkastenbilder (Lenticulars) und vier Videoanimationen präsentiert. Die „Werke aus der Retorte“ sind zusammen genommen ein atmosphärisch dichtes, multimediales Gesamtereignis.
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Ausstellung und Katalog „Kandors“ wurden mit Unterstützung des Künstlers und der Galerie Jablonka Berlin/Köln realisiert.

Die Ausstellung ist bis zum 19. Juni 2011 zu sehen.
Museen Haus Lange und Haus Esters
Wilhelmshofallee 91 – 97
47800 Krefeld
Tel. 02151 / 97558 0
Öffnungszeiten
DI – SO 11 – 17 Uhr

 

 

 

©rheinische-art.de, Fotos: Museen Krefeld

 

 

 

 


  

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